Mein Wirken als Doula. Ein Beispiel

Aus Gründen der Anonymisierung nenne ich die Gebärende einfach "Frau", den werdenden Vater "Mann" und das medizinische Personal numeriere ich durch.
Alles, was ich hier erzähle, habe ich so erlebt, es ist meine persönliche Sichtweise.
Abkürzungen: VU = Vaginal-Untersuch; MM = Muttermund; GEBS = Gebärsaal

Start mit vorzeitigem Blasensprung

11.30 Die Frau klingelt, es sei Flüssigkeit gekommen, ob dies Fruchtwasser sei. Ich gehe mit Hebamme 1 zur Frau. Diese sitzt bleich und verängstigt auf dem Klo. Hebamme 1 gibt ihr eine Binde, so könne man sehen, ob es Fruchtwasser sei. Die Frau geht zum Bett. Der Fall ist klar, es ist Fruchtwasser. Hebamme 1 hängt sie ans CTG. Die Frau soll ihren Mann anrufen. Als Doula könnte ich jetzt bei der Frau bleiben, ich entscheide mich jedoch, die Hebamme dabei zu unterstützen, den GEBS bereitzumachen, zudem lasse ich die Frau gerne privat mit ihrem Mann telefonieren.
Hebamme 1 und ich verlassen also das Zimmer und machen die Wanne bereit im GEBS. Kurz darauf holen wir die Frau im Rollstuhl in den GEBS. Auf dem Gang treffen wir ihren Mann.
 

12.20 Frau in Wanne, CTG im Wasser (!)

Die Frau ist hungrig. Wir bestellen essen. Wehen setzen ein.

12.30 isst Suppe, Baby bewegt sich stark. Herztöne 138-143 gut.

Wehen stärker, es wird ihr übel, sie mag das Essen nicht mehr riechen. Baby bewegt sich während den Wehen.

Mann holt Haargummi. Hebamme 1 bringt Kotztüte. Übelkeit gehe oft einher mit Wehentätigkeit, weiss Hebamme 1.

 

Muttermund öffnet sich langsam

12.40 VU MM 3cm

Die Frau will Schmerzmittel. Hebamme 1 verspricht etwas, das oberflächlich wirkt.

12.47 Hebamme 1 kommt mit Medi, hat auch etwas gegen die Übelkeit reingemischt.

Mann kommt mit Ventilator.

12.50 Infusion dran, Hebamme 1 sagt, zuerst wirke sie schnell, dann werde langsamer zugeführt.

 

12.55 Hebamme 1 telefoniert: gibt Infos durch:

- Frau hat Schmerzmittel Meptid

- Fruchtwasser klar

- 4 Wehen in 10 Min. 

- Kopf fix

- Baby noch nicht ganz richtig eingestellt
Hebammen sprechen nicht von der Lage des Babys, sondern von seiner "Einstellung", es wird davon gesprochen wie es "eingestellt" ist.


Die Frau fragt, wann sie den Effekt des Schmerzmedis spüren soll. Hebamme 1 pumpt, sagt in 10 bis 15 Minuten.

 

13.10 Ärtzin 1 kommt, macht Ultraschall, Babys Rücken Richtung Mamas Rücken, Einstellung definiert: gebärfähige Gesichtslage, auch "Sterngucker" genannt.

13.15 Frau will PDA, Hebamme 1 verspricht ihr diese sofort.
Die Frau hatte ihr erstes Kind ganz unter PDA geboren und wollte es diesmal zwar anders. Aber bei einem Sterngucker drückt der Schädel auf Mamas Knochen und dies ist um ein vielfaches schmerzhafter als bei einem ideal eingestellten Baby.
 

13.25 Anästhesiearzt mit Assistentin da
13.55 PDA gelegt
14.10 Frau dreht sich auf Rücken
Mann ist keidebleich und verlässt nach wenigen Worten zur Frau den Raum.


Hebamme 1 sagt, Kind sei posteriore, erhöhte Rückenlage, das heisst, das
Baby ist nach oben „gekrochen“.

Hebamme 1 sagt, turnen könnte jetzt helfen, um das Baby besser einzustellen.
Jetzt warten wir aber zuerst, bis die PDA richtig wirkt und machen Pause, dass das Baby sich auch erholen kann vom Stress.
 

Hebammen-Schichtwechsel

Hebamme 1 hat Feierabend. Schichtwechsel, 30 Minuten Übergabe an Hebamme 2.

15.10 kommt Hebamme 2 in den GEBS.
Die PDA wirkt, aufstehen für Toilette, ein bisschen Blut kommt. Baby ist weiter nach unten gerutscht.
Mann ist wieder da. Ich frage ihn, ob er okay sei. Tapfer versucht er, mich anzulächeln. Ich sage ihm, er sehe weniger bleich aus. Jetzt lächelt er wirklich.

 

15.25 VU MM 4cm, spürt Wehen, Hebamme 2 erklärt der Frau den so genannten "Happy Button", den sie pressen kann, wenn sie die Wehen zu stark spürt, so wird die Gabe vom Schmerzmittel intravenös ausgelöst.

 

Einlauf wirkt Wunder

Hebamme 2 fragt die Frau, ob sie mal Stuhlgang gehabt hätte. Die Frau sagt, seit sie hier war, das ist gestern um 10 Uhr, also 30 Stunden nicht. Hebamme 2 schlägt einen Einlauf vor.
15.45 kleiner Einlauf, passiert nichts. Hebamme 2 bringt hohen Einlauf mit Schlauch.
16.00 Stuhlgang funktioniert. Hebamme 2 hilft Frau zurück zum Bett. Ich putze das Chaos im Klo.
Wir warten die nächste Wehe ab, um zu schauen, wie stark sie diese spürt. Sie sagt, sie spüre sie, aber nicht so stark wie vorher. Hebamme 2 fragt: Druck oder Schmerz? Frau sagt: Schmerz.
16.10 Seitenwechsel im Liegen.

16.15 VU MM 8cm (!)
Durch den Einlauf und Stuhlgang hat sich nach 50 Minuten die Öffnung des Muttermundes von 4 cm auf 8 cm verdoppelt. Das ist ein grosser Erfolg und freut uns alle riesig.

 

Äpfel schütteln

16.40 Ultraschall für Kontrolle der Einstellung. Fazit: nicht ideal.

16.50 Übung: „Äpfel schütteln“
Die Übung „Äpfel schütteln“ – oft auch als Rebozo-Apfelshaken bezeichnet – ist eine beliebte Hebammen-Methode, bei der das Becken und das Gesäss der Schwangeren sanft und rhythmisch geschüttelt werden, um Blockaden zu lösen und dem Baby den Weg tief ins Becken zu erleichtern. Durch das Lockern der Bänder und Muskeln, bekommt das Kind mehr Raum, um sich optimal einzustellen.

Die Frau begibt sich in den Vierfüssler. Ich darf Hebamme 2 helfen. Wir nehmen ein Frottétuch und machen die Übung.

Danach kommt wieder Stuhlgang. Das Bett ist verschmiert. Hebamme 2 geht mit der Frau auf Toilette. Ich mache in der Zeit das Bett frisch.

17.20 Neuen Venflon legen
Fruchtwasser kommt immer noch.
17.40 Hebamme 2 macht VU: MM 9 cm

 

Hebamme 2 sagt, Katheter machen, um Blase zu leeren


Ärtzin 1 kommt, erklärt, dass CTG zeige, dass Baby auf Stress reagiert, sich aber auch wieder erholt.
Sie empfiehlt Synto, falls Baby sich dann nicht vom Stress erholt, Sectio.
Synto ist die Abkürzung für Syntocinon, dies ist künstliches Oxytocin, das Wehenhormon, bekannt als "Motor" der Wehen, welcher die Wehen rhythmisiert, sie antreibt, kraftvoll unterstützt.
Sectio = Kaiserschnitt

 

18.05 VU
Synto. Auf CTG schaut Hebamme 2, wann die nächste Wehe kommt, sagt der Frau, sie solle dann pressen.
Sie sagt dann, wir machen eine Pause, weil das Baby zu stark mit Stress auf Synto reagiert. Sie nimmt Synto zurück, dass das Baby sich erholen kann.

 

Stress-Level steigt

18.10 Ärztin 2 kommt
Sie sagt, entweder machen wir Sectio oder wir versuchen es nochmals mit Synto und wenn das Baby dann wieder gestresst ist, müssen wir Sectio machen. Verlässt ohne weiteren Kommentar nach gefühlt 2 Minuten wieder den Raum. Die Frau ist total gestresst.

 

Ärztin 3 bringt stärkeres Medi.

 

Hebamme 2 fragt die Frau, warum sie denke, das Baby komme nicht.
Die Frau sagt: "Weil es zu gross ist." Man habe ihr gesagt, es sei schon über 4 kg. Nun habe sie Angst, dass es stecken bleibe, aber sie habe auch Angst vor der Sectio.

Was in diesem Moment nur ich weiss:
Die Frau hat mir im Vorfeld ausführlich erzählt, sie habe recherchiert über die Sectio, es seien 7 Hautschichten, die durchtrennt werden, man habe länger für die Erholung, viele Nachteile fürs Baby. In ihrem Heimatland werde Sectio nur in absolut lebensrettenden Notfallsituationen gemacht. Sie habe Freundinnen in einem anderen Land, dort werde praktisch beim positiven Schwangerschaftstest schon der Termin der geplanten Sectio gebucht, sie fände das schrecklich, sie wolle auf keinen Fall eine Sectio und hätte Angst davor.

Die Frau hat einen ausgeprägten Zitteranfall am ganzen Körper.
Hebamme 2 verlässt den Raum, um sich mit ihren Kolleginnen zu besprechen.

 

Mein Wirken als Doula 1:
Übersetzerin, Auflöserin von Missverstandenem

19.55 Ich bin kurz mit dem Paar alleine. Der Mann versucht die Frau von der Sectio zu überzeugen, die Sectio sei das beste. Dies, obwohl er vorher das auch nicht wollte, aber er ist total verängstigt. Er sagt, er verstehe es so, es sein nun ein Gambling: Entweder Sectio und das Baby ist sicher oder wir probieren was und dann landen wir in der Notfall-Sectio, also es ende sowieso in der Sectio, warum noch probieren, aber es sei ihre Entscheidung.

Ich sage, ich hätte es anders verstanden. Ich erkläre, es gebe im Spital kein Gambling. Niemals wolle man das Risiko eingehen, einen Notfall zu produzieren. Wir können es mit Synto probieren, das erzeugt stärkere Wehen, gibt Power, wenn das Baby dadurch gestresst wird, können wir die Synto sofort zurücknehmen, Pause machen und in Ruhe in die Sectio.

 

Mein Wirken als Doula 2: Vermittlerin von Sicherheit, dem Gefühl, in guten Händen zu sein

Ich stehe zur Frau hin, ich versichere ihr, dass sie im Spital absolut in sicheren Händen sei. Dass heute ein ruhiger Tag sei, alle anderen Gebärsäle sind leer, sie sei die einzige Frau im Spital am gebären, egal, was passieren könnte, es könnten sich theoretisch alle im Dienst nur um sie kümmern, es sei der beste Tag für das Baby, auf die Welt zu kommen, ein ruhiger Tag und sie sei hier absolut safe.

 

Mein Wirken als Doula 3: Starkmacherin, die Frau an ihre Kraft erinnern, dank persönlichem Wissen, das nur ich von der Frau habe

Ich erinnere die Frau daran, was sie mir im Vorfeld erzählt hatte, dass ihre Grossmutter 12 Kinder zu Hause geboren habe. Ich sage ihr, sie solle sich jetzt mit ihrer Grossmutter verbinden und mit deren Kraft. Ich sage ihr, die Grossmutter sei da, und sie sei stolz auf sie. Die Frau sagt: „She was brave“ ich sage: „So are you.“
Die Frau sagt danke und dass es ihr viel Sicherheit gebe, dies alles zu hören.

 

Game-Changer: Sicherheit und Bestärkung in der Frau bewirkt Beruhigung des Babys

Hebamme 2 kommt. Sie fragt, ob es okay sei, jetzt mit Synto zu probieren.
Die Frau sagt ohne zu zögern: ja.
Ihre Körpertemparatur ist tiefer.

20.00 Synto
Mit den Wehen presst die Frau, das Baby kann nun gut mit der Synto umgehen.

Ich verbinde mich mit dem Baby, ich sage ihm, es sei bald in Mamas Arme, wenn es gut mit Mama mitarbeitet.


Ruhe breitet sich aus. Top Zusammenarbeit von Hebamme und Ärztinnen

21.00  Ärztin 4 kommt, total ruhig, sagt nur: „I check on the Baby“, sie macht vaginalen Ultraschall, sie sagt, das Baby sei gut eingestellt, aber nicht perfekt, sie komme wieder nach 30 Minuten.

 

Hebamme 2 motiviert die Frau immer wieder und leitet sie durch die Wehen, sie sagt ihr immer wieder: "You can do it, you are doing great". Sie sagt dem Mann, der immer am Video schauen ist am Handy, er solle an die Seite der Frau kommen. Ich stehe im Raum und verbinde mich innerlich mit der Grossmutter der Frau und dem Baby und der Kraft der Frau und allem, was jetzt helfen kann.

 

21.25 kommt die ruhige Ärztin 4 wieder, sie sagt, wir brauchen Beinstützen, sie macht VU.
21.35 Ärztin 5 kommt, macht VU von Hand, sagt immer bei Wehen: pressen, und super, es sei gut, jetzt bei -1. Die Frau ist nun sichtlich entspannter, sie lächelt, fragt die Ärztin 5, ob sie fühlen könne, ob das Baby Haare habe.

 

Wir kommen voran, bald interspinal, dann +2
interspinal = engste Stelle im Becken, -1 ist 1 cm davor bzw. +1 oder +2 entsprechend 2 cm nach interspinal. Position bezieht sich immer auf Köpfchen

21.40 Ärztin 5 lässt VE holen, erklärt: „We do it together.“ Sie muss einmal ziehen, das Köpfchen ist da, sichtliche Erleichterung bei der Frau.
VE = Vakuum Extraktion, besser bekannt als Saugglocke, darf nur bei vollständig geöffnetem MM angewendet werden.

Es gibt eine leichte Schulter-Dystokie, die Ärtzin 5 hilft sofort gekonnt manuell.
Schulter-Dystokie = Schulter bleibt hängen. So wie ich es beobachtet habe, hatte ich das Gefühl, dass durch die Hilfe der Saugglocke, was natürlich nötig war, das Baby den Impuls für die natürliche Drehung der Schultern nicht ganz erhalten hat, weil es quasi etwas passiver durch den Geburtskanal kam und deshalb diese geniale Drehung eben nicht ganz alleine geschafft hat. Aber so mit der Hilfe der Ärztin 4 war es absolut prima.

 

Vaginal-Geburt 10 Stunden und 20 Minuten nach Blasensprung

21.50 Geburt
Die Ärztin 4 und die Hebamme 2 gratulieren, ich sage zur Frau: „You look great“. Sie sagt „I bet“ und strahlt mich an. Das Baby liegt auf ihrem Bauch.

 

Placenta-Geburt 15 Minuten post partum

22.05 Placenta-Geburt

Ich gehe zur Frau, ich gratuliere ihr und begrüsse das Baby.
Es ist unbeschreiblich.